Der Weg

Die Frage, die nach jedem Umbruch zuerst gestellt wird: Wann wird gewählt?

Die verständliche Forderung

Sie lautet: So schnell wie möglich. Und sie hat gute Gründe. Eine Übergangsverwaltung ohne Wahl ist selbst nicht legitimiert. Je länger sie dauert, desto größer die Versuchung, sie zu verstetigen. Wer Demokratie will, will Wahlen — und zwar bald.

Wir teilen das Ziel. Wir halten die Forderung trotzdem für falsch, und diese Seite sagt, warum.

Der Beleg, den Russland selbst geliefert hat

1991 fiel eine Ordnung. Es war der günstigste denkbare Fall: kein fremder Einmarsch, keine Besatzung, keine Demütigung von außen. Die Menschen selbst gingen auf die Straße.

Und dann wurde schnell gewählt — vor stabilen Institutionen.

Was die Menschen zwischen 1991 und 1999 erlebten: siebenfach entwertete Ersparnisse, geplünderte Betriebe, Gehaltsrückstände über Monate, eine Handvoll Männer, die ein Land unter sich aufteilten, und einen Präsidenten, der im Fernsehen nicht mehr geradeaus sprechen konnte. Das Ergebnis war das Jahr 2000.

Nicht weil die Menschen keine Freiheit wollten. Sondern weil sie erlebt hatten, dass Freiheit für sie Unsicherheit bedeutete — und beim nächsten Mal Ordnung wählten. Sie taten es freiwillig, mit Mehrheit, in einer Wahl, deren Ergebnis damals noch niemand fälschen musste.

Die schnelle Wahl war nicht die Rettung. Sie war der Mechanismus.

Warum ein schneller Termin nicht funktioniert

Nehmen wir an, ein Übergang begänne. Was müsste bis zu einer Wahl stehen?

VoraussetzungRealistischer Zeitbedarf
Wahlkommission neu besetzt, gerichtlich geschützt, nicht weisungsgebunden6–12 Monate
Wählerverzeichnisse überprüft und öffentlich6–12 Monate
Parteien neu zugelassen, Verbote aufgehoben, politische Gefangene frei3–9 Monate
Medien wieder arbeitsfähig, Redaktionen zurück, Sperren aufgehoben6–18 Monate
Gerichte handlungsfähig, Richter überprüft12–24 Monate
Massenüberwachung abgebaut3–6 Monate
Ein Wahlkampf, der diesen Namen verdientmindestens 30–90 Tage

Selbst bei optimistischer Rechnung liegen dazwischen achtzehn Monate. Realistisch sind es vierundzwanzig bis dreiunddreißig.

Eine Wahl, die weniger als achtzehn Monate nach einem Übergangsbeginn liegt, ist keine Wahl. Sie ist eine Abstimmung unter denselben Bedingungen wie vorher, nur mit anderen Gesichtern auf dem Stimmzettel. Und wer sie gewinnt, ist absehbar: derjenige mit dem funktionierenden Apparat, den vorhandenen Listen, dem Zugang zu den Sendern und dem Geld. Also derselbe, den man loswerden wollte.

Die Reihenfolge, die trägt

ZeitpunktWahlgangWarum an dieser Stelle
~18 MonateLokalwahlen in allen Regionen — Bürgermeister, Stadt- und Regionalparlamente, erstmals seit über zwanzig Jahren wieder Direktwahl der Gouverneuretrainiert das System von unten, mit begrenztem Schaden bei Fehlern
~24 MonateVerfassungsabstimmung — Mehrheit gesamt und Mehrheit in zwei Dritteln der Regionendas Parlament wird unter der neuen Verfassung gewählt, also muss sie zuerst da sein
~30 MonateParlamentswahl — Verhältniswahl, Fünfprozenthürde, mindestens 30 Tage Wahlkampf, internationale BeobachtungVerhältniswahl verhindert die Rückkehr der Einparteiendominanz
~33 MonatePräsidentschaftswahl — Direktwahl mit Stichwahl, verfassungsfestes Zwei-Amtszeiten-Limitdas Präsidialamt war historisch der Hauptangriffspunkt jeder Freiheit — zuletzt, wenn alles andere steht

Der Grundsatz dahinter in vier Worten: Brot vor Freiheit, Tribunal vor Wahlen. Nicht weil Freiheit zweitrangig wäre. Weil eine Wahl in einem Land ohne Versorgung, ohne Gerichte und ohne Presse keine Freiheit herstellt, sondern sie verbraucht.

Was in der Zwischenzeit passieren muss

Die achtzehn Monate sind kein Warten. Sie sind die eigentliche Arbeit.

Sofort: Massenüberwachung abgebaut, ersatzlos. Politische Gefangene frei. Zensurgesetze aufgehoben. Ziviler Verteidigungsminister. Private bewaffnete Verbände aufgelöst.

Bis Monat sechs: Sicherheitsapparat in getrennte Behörden unter parlamentarischer Aufsicht zerlegt. Personalüberprüfung nach Kategorien begonnen. Wahlkommission besetzt.

Bis Monat zwölf: Akten geöffnet, persönliches Einsichtsrecht für jeden Bürger. Erste Verfahren. Medien zurück. Gerichte überprüft.

Bis Monat achtzehn: Wählerverzeichnisse öffentlich. Parteien zugelassen. Erste Lokalwahl.

Und parallel, von Tag eins an: Versorgung. Renten, Löhne, Heizung, Brot. Der häufigste Grund, warum Übergänge scheitern, ist nicht politische Gegnerschaft. Es ist ein kalter Winter.

Der Einwand — und die Antwort

Achtzehn Monate ohne Wahl sind selbst undemokratisch. Wer legitimiert die Übergangsverwaltung? Berechtigt. Drei Antworten:

Erstens: Die Übergangsverwaltung wird zeitlich befristet, und die Frist steht vor ihrem Beginn fest und ist veröffentlicht. Eine unbefristete Treuhandverwaltung ist ausgeschlossen.

Zweitens: Sie ist an Prüfpunkte gebunden, nicht an den Kalender. Jeder Schritt wird veröffentlicht, jeder Verzug begründet.

Drittens, und das ist der wichtigste Punkt: Die Lokalwahl kommt zuerst. Nach achtzehn Monaten gibt es gewählte Bürgermeister und Regionalparlamente — also demokratische Legitimation von unten, bevor irgendjemand oben gewählt wird. Das ist der Unterschied zu einer Verwaltung, die sich selbst verlängert.

Wer kandidieren darf

Eine unbequeme, aber notwendige Regel: Wer für die systematische Ausplünderung des Landes oder für Repression verantwortlich war, kandidiert nicht. Das ist kein Ausschluss politischer Meinungen. Es ist ein Ausschluss von Tatbeständen — festgestellt in einem Verfahren, mit Beweisen, mit Rechtsmitteln, nicht durch eine Verwaltung nach Gutdünken. Ohne diese Regel gewinnt die Wahl, wer über die Mittel verfügt, die er sich vorher genommen hat. Mit ihr hat sie überhaupt erst einen Sinn.

Was in anderen Ländern funktioniert hat

Die Reihenfolge ist nicht erfunden. Sie folgt Fällen, die es gegeben hat.

Spanien nach 1975. Zwischen dem Tod des Diktators und der ersten freien Wahl lagen achtzehn Monate. In dieser Zeit: Legalisierung der Parteien, Amnestie, ein neues Wahlgesetz, ein Referendum über die politische Reform. Die Wahl kam, als die Regeln standen. Der Preis: Der „Pakt des Vergessens" verschob die Aufarbeitung um mehr als drei Jahrzehnte — Rechenschaft lässt sich aufschieben, aber sie verschwindet nicht.

Südafrika 1990 bis 1994. Vier Jahre zwischen der Freilassung Mandelas und der ersten freien Wahl. Dazwischen: Verhandlungsphase, Übergangsverfassung, erst danach die Wahl. Der Erfolg: Die Wahrheits- und Versöhnungskommission machte Aufarbeitung zur Bedingung, nicht zur Fußnote.

Polen 1989. Erst der Runde Tisch, dann eine teilfreie Wahl, dann — zwei Jahre später — die vollständig freie. Die Warnung: Ab 2015 wurde der Justizumbau von innen angegriffen. Konsolidierung ist kein Zustand, den man erreicht, sondern einer, den man hält.

Deutschland nach 1945. Kommunalwahlen zuerst — ab 1946, in den Ländern. Bundestagswahl erst 1949, nach dem Grundgesetz. Unten zuerst, Verfassung vor Parlament.

Das Muster über alle vier: Wo die Regeln vor der Wahl standen, hielt das Ergebnis. Wo zuerst gewählt und danach geordnet wurde, kam die Restauration.

Der Vergleich, der am meisten wehtut

Russland selbst hat beide Varianten durchlaufen. 1991 bis 1993: schnelle Wahlen, dann der Verfassungskonflikt, dann Panzer vor dem Parlament, dann eine Verfassung mit sehr starkem Präsidenten — geschrieben in einem Moment, in dem der Präsident gerade gewonnen hatte.

Diese Verfassung ist bis heute in Kraft. Sie ist der rechtliche Rahmen, in dem sich alles danach abgespielt hat: die Amtszeitverlängerungen, die Zurücknahme der Gouverneurswahlen, die Entmachtung des Parlaments. Sie wurde nicht gebrochen — sie wurde benutzt.

Das ist die eigentliche Lehre. Nicht: „Freiheit hat nicht funktioniert." Sondern: Wer die Verfassung schreibt, während er gewinnt, schreibt eine, die ihm passt. Deshalb steht die Verfassungsabstimmung nach der Lokalwahl und vor der Parlamentswahl — an der einzigen Stelle, an der niemand gerade gewonnen hat.

Der Satz, der am schwersten zu akzeptieren ist

An die, die auf diesen Tag warten und die zu Recht ungeduldig sind: Die schnelle Wahl ist das Angebot, das am attraktivsten aussieht und am wenigsten hält. Sie kommt immer von denen, die bereits Apparat, Listen, Sender und Geld haben — also von denen, die sie gewinnen. Sie kommt als Geste der Öffnung und sie funktioniert als Absicherung.

Der Tag der Wahl ist nicht der Anfang der Freiheit. Er ist ihre Prüfung. Wer zur Prüfung antritt, ohne gelernt zu haben, fällt durch — und die nächste Prüfung gibt es dann sehr lange nicht.

Achtzehn Monate sind eine lange Zeit für ein Volk, das gewartet hat. Fünfundzwanzig Jahre sind länger.

Ein Termin als Musterentwurf

Es existiert ein ausgearbeiteter Entwurf, wie die Ankündigung freier Wahlen am Ende dieses Weges aussehen könnte: Russland an einem Freitag, dem 18. September; die Ukraine am Samstag, dem 19.; Belarus am Sonntag, dem 20. — die Tage stehen im Entwurf fest, das Jahr ist offen und folgt aus dem Beginn des jeweiligen Übergangs. Das ist ein Musterentwurf. Keine amtliche Verlautbarung, kein beschlossener Termin, kein Vorgang irgendeiner Wahlbehörde. Wer es anders darstellt, erzeugt genau die Sorte falscher Tatsachenbehauptung, gegen die diese Seite antritt.

Text nach dem Aufruf „Befreiung Russlands — IX: Die Wahlfrage" (Andrii Solokha, FDZ in Gründung, 30. August 2026). Nichtamtlicher Aufruf; Fristen sind Größenordnungen.

Stand: 18.09.2026 · ImpressumDatenschutz